Studienfahrt nach Bosnien und Herzegowina

29.09. – 8.10.11

 

von Nasrin Arnold

 

 

 

Banja Luka

 

Banja Luka ist die Hauptstadt der "Republika Srpska". Banja Luka ist Bosnien. Ich lerne, dass Bosnien in drei Provinzen unterteilt ist: die Föderation Bosnien und Herzegowina, den Brčko-Distrikt und die Republika Srpska. Wie bosnisch ist die Hauptstadt der Republika Srpska in Bosnien? Überall weht die serbische Flagge. Die bosnische sehe ich nie. Die Leute sagen, dass sie nicht gerne nach Sarajevo fahren, um dort etwas zu erledigen. Vielleicht, weil Sarajevo in Bosnien liegt?

 

Durch Banja Luka fließt der Vrbas – ein klarer Fluss, der zu einem kurzen Bad einlädt. Wer in Unterhosen schnell mal reinspringt, wird trocken für verrückt erklärt. Üblich hingegen ist es, seine Frau im "Dajak", einem schmalen Boot, das durch die Stromschnellen gestakt wird, nach Hause zu bringen.

 

Banja Luka hat seit diesem Jahr eine Frisbee-Mannschaft. Sie hat ihr erstes Turnier in Ilok, Kroatien, bestritten. Außer zwei Amerikanern und zwei Iren sind auch wirklich alle Spieler Einheimische.

In Banja Luka gibt es ein Frauen-Fußballteam. Eines von sieben in der Republika Srpska. Andrea spielt dort im Mittelfeld und Ivana im Tor.

 

 

Der Fluss Vrbas und ein Dajak.

Sarajevo

 

Sarajevo wird auch "Jerusalem Europas" genannt. Ähnlich wie in der israelischen Hauptstadt wimmelt es hier von Religionen. Im Umkreis von wenigen hundert Metern stehen orthodoxe Kirchen neben Moscheen, katholische Kathedralen unweit der Synagoge, und das monumentale Bauwerk der Kunstakademie zeugt noch heute von der einzigen evangelischen Kirche der Österreich-Ungarischen-Monarchie.

Türkischer Kaffee oder lokale Biersorten, Döner oder Pita, Ikone oder Auge der Fatima, Touristen und moderne Hochhausbauten, McDonalds, Musik, Fußball, traditionelle Sevdah-Sänger und junge Männer, die dir unter der Hand ein iPhone auf der Straße verkaufen wollen. Bunt und vielseitig kommt die Metropole daher – zumindest auf den ersten Blick. "Sarajevo ist konservativ. Unglaublich konservativ! Für eine europäische Hauptstadt!" sagen die Studenten der Germanistik. Dann erzählen sie von Straßenschlachten nach Fußballspielen, von einer schwierigen Rechtslage bei Strafverfolgungen, von einigen alternativen Szenecafes und –kinos, die sich langsam etablieren, von jungen Künstlern und von einer Homosexuellendemonstration, die letztlich in Zagreb stattfinden musste. Šejla kennt sich aus mit den angesagten Locations ihrer Stadt. Sie berichtet von Problemen, aber auch von Nischen, in denen man doch das finden kann, was man sucht. Sie unterscheidet zwischen den alten Holzköpfen und der Jugend, die neue Ideen hat. Es ist keine politische Rede, die sie mir hält, aber immer wenn sie "Sarajevo" sagt, leuchten ihre Augen im Schummerlicht der Kneipe, und ich glaube feste daran, dass diese Stadt ein weltoffenes, faszinierendes Multikultizentrum werden kann, wenn Šejlas Generation nicht zuviel Gegenwind bekommt.

 

 

Nationalitätenaufkleber auf einem Auto. Das "BIH" steht für "Bosnien und Herzegovina". Hier wird es als eine Form von "sein" verwendet und ist Teil eines Satzes, der soviel heiße soll wie: Ich wäre auch gerne in Europa."

 

Mostar

 

In Mostar wachsen die Feigen und die Granatäpfel wie Unkraut. Im Oktober bringt die Hitze noch immer die Touristen ins Schwitzen, aber das Wasser der Neredva ist kalt. So kalt, dass man um die jungen, durchtrainierten Männer Angst haben muss, die sich für ein paar Euro aus über 20 Metern Höhe von der Brücke in den seichten Fluss stürzen.

Und weil es so heiß ist, kaufen die Touristen auf kroatischer Seite ein Eis. Damit tasten sich die älteren vorsichtig über die glatten Steine der neu erbauten "Alten Brücke". Die jüngeren Touristen laufen zwar schneller, sind aber nicht weniger begeistert von der Schönheit der Stadt und nicht weniger überwältigt von der Symbolkraft und der Geschichte der Brücke. Sie habe geblutet, als man sie im Krieg zerstört hat, sagen die Menschen. Tatsächlich soll ein roter Mörtel zum Bau verwendet worden sein, der das Wasser der Neredva dunkel färbte, als Brückenteile in den Fluss stürzten.

Auf der bosniakischen Seite ist der große Marktplatz, auf dem neben den typischen Obst- und Gemüsesorten auch Mangold, Schnaps und Honig verkauft werden. Wenn die Touristen ihr Eis gegessen haben, finden sie hier noch ein kleines Café mit Stühlen im Freien. Den meisten bleibt nur noch Zeit für einen türkischen Kaffee. Dann geht es weiter. Wahrscheinlich nach Kroatien. Dalmatien. An die Adria. Hauptsache, ein Foto von der Brücke. Und ist ja auch ein schönes Städtchen, dieses Mostar!

Ob die Touristen hier auch etwas kapieren? Aber wer will sich bei bestem Wetter an einem so beschaulichen Örtchen schon mit Konflikten und Kriegen auseinandersetzen? Wir versuchen trotzdem ins Kriegsmuseum zu gehen, aber es hat schon seit Stunden geschlossen, obwohl die Öffnungszeiten an der Infotafel etwas anderes versprechen. Geschlossen sind auch die unterirdische Kirche, die große katholische Kathedrale und die Moscheen. Ich würde gerne noch einen Tag länger bleiben und mich mit ein paar Menschen hier unterhalten.

Die Sonne steht im Westen über den Bergen, so dass ich nicht mehr zu dem großen Kreuz hinaufsehen kann, das auf dem kroatischen Hügel thront, ohne dass ihr Licht mich blendet. Der Turm des Franziskanerklosters wird zu einer schwarze Silhouette, aber auch um die Minarette herum wird es allmählich dunkel. Bald werden die Muezzins zum Gebet rufen und die Granatapfelidylle perfekt machen. Hoffentlich ist es keine trügerische.

 

 Die Brücke von Mostar.

 

Islam

 

Jonas sitzt überrascht vor den Folien seiner eigenen Präsentation und staunt: "Ich hatte wirklich ein sehr schlechtes Bild vom Islam. Das war ein sehr interessantes Referat für mich." Er ist nicht der einzige in unserer Runde, der das zugeben muss. Islam, das ist dort hinten am Hindukusch, wo die Männer mit Bärten und weiten Hosen auf staubigem Boden in der Hocke sitzen und Gewehrkolben streicheln. Wo bullige Soldaten mit Sonnenbrillen und rasierten Schädeln vor monströsen Panzern stehen. Wo die Bomben fast so regelmäßig explodieren wie bei uns die Supermärkte beliefert werden. Aber jetzt plötzlich ist Islam Bosnien. Und der Islam in Bosnien ist ganz anders. Anders als der am Hindukusch. Anders als der, den die Medien in Deutschland zeigen.

 

In ganz Bosnien gibt es gemütliche kleine Moscheen mit einem Minarett, von dem fünfmal am Tag der für uns so schön exotische Gebetsruf in arabischer Sprache ertönt. Es ist nicht das aufdringliche, zu laute Geplärre aus Lautsprecherboxen, das man aus dem Nahen Osten kennt. Aber in den letzten Jahren sind mit saudi-arabischen Geldern mehr und mehr protzige Moscheen mit zwei Minaretten entstanden.

 

Würde man die Kopftücher in Sarajevo zählen und dann auf den prozentualen Anteil der muslimischen Bevölkerung schließen, so käme der Islam nicht über 15 %. In Banja Luka müsste man gar vermuten, dass es überhaupt keine Muslime gibt. Tatsächlich beläuft sich der Anteil in Sarajevo auf ca. 80 %, in Banja Luka immerhin auf 14,5 % Angehörige des islamischen Glaubens.

Dina und Sumeja erzählen, dass das Kopftuch dazu gedacht ist, die Aufmerksamkeit der Männer nicht zu sehr auf die Frauen zu ziehen. Ich frage sie, warum sie keines tragen. "Wenn wir in Banja Luka eines tragen würden, würden wir mehr auffallen als ohne und die Aufmerksamkeit der Männer mehr erregen", erklärt die große blonde Dina weiter, die gestern auf der Party wild gestikulierend im Mittelpunkt stand und den Apfelrakija verteilt hat.

In Sarajevo sieht man eine Handvoll Burkaträgerinnen. Angeblich werden sie dafür bezahlt. Von Saudi-Arabien. Mehrer hundert Euro im Monat. "I-joooj! Da kaufe ich mir auch eine Burka!" ruft Željana, als sie von den Gehaltsaussichten hört.

 

In Mostar werden bunte T-shirts mit lustigen Aufdrucken verkauf. Tito-Zitate, "Rakija – connecting people", "Enjoy Ćevapčići" im markanten Coca-Cola-Schriftzug usw. Auf einem steht: "Don't panic, I'm muslim!" Ich muss kurz an Jonas denken und an das, was einige nach seinem Referat über ihr Islambild gesagt haben. Als ich weiter gehe, höre ich das melodische "Allahu akbar", das dem eh schon beschaulichen Städtchen eine besondere Atmosphäre verleiht.

 

 

Muslimische Mädchen in Travnik.

 

Sprachen

 

In Banja Luka spricht man Deutsch. Akzentfrei. Man kann Bojana oder Sumeja heißen, Muslim oder Christ sein. Man kann einen kroatischen Elternteil haben oder konvertierter Jude sein. Viele hat der Krieg nach Deutschland verschlagen. Viele sind dort mehrere Jahre zur Schule gegangen. So haben viele Deutsch gelernt. Akzentfrei.

 

In Banja Luka spricht man Serbisch. Jedenfalls wenn man auf Deutsch über seine Sprache spricht. "Wir sind ja Serben. Wir sprechen Serbisch", sagt Ivana. "Aber Kroatisch, Bosnisch, Serbisch, das ist eigentlich das gleiche", erklärt sie. Sie macht da keinen großen Unterschied. Andere tun das.

 

In Banja Luka unterscheidet man zwischen "unserer Sprache" und anderen Sprachen. "Lernt ihre unsere Sprache?" werden wir immer wieder gefragt. "Ja, wir lernen eure Sprache", antworten wir. Eure, die der Serben, eure, die der Kroaten, eure, die der Bosnier. 

 

In Sarajevo spricht man Deutsch. Akzentfrei. Man kann Šejla oder Snježana heißen, Muslim oder Christ sein. Man kann einen kroatischen Elternteil haben oder sephardischer Jude sein. Viele hat der Krieg nach Deutschland verschlagen. Viele sind dort mehrere Jahre zur Schule gegangen. So haben viele Deutsch gelernt. Akzentfrei.

 

In Sarajevo spricht man Bosnisch. Jedenfalls wenn man auf Deutsch über seine Sprache spricht. "Ich verstehe die nicht in Banja Luka. Warum identifizieren sie sich gar nicht mit Bosnien? Wenn ich dort sage, dass ich aus Bosnien komme, nennen sie mich eine Türkin", sagt Šejla. "Aber ich hatte mal einen Freund, der war halb Kroate, halb Serbe. Das war zu Hause auch nicht einfach", erzählt sie.

 

In Sarajevo unterscheidet man zwischen "unserer Sprache" und anderen Sprachen. "Lernt ihre unsere Sprache?" werden wir immer wieder gefragt. "Ja, wir lernen eure Sprache", antworten wir. Eure, die der Bosnier, eure, die der Kroaten, eure, die der Serben. 

 

Im Dorf Blagaj an der Quelle der Buna, fragt man uns in einem Café, was wir lernen. "BKMS", antwortet Željana, "bosanski, hrvatski, crnogorski (montenegrinisch) i srpski." Der alte Mann schüttelt unzufrieden Kopf. So etwas Unvernünftiges. Wir sollten besser ordentliches Kroatisch lernen, meint er. Ein weiterer Mann kommt ins Cafe, begrüßt die übrigen Männer mit Handschlag, und wir bekommen eine Hörprobe des schönsten Blagajer Kroatisch, als er seinen Freunden ein fröhliches "Merhaba" zuruft. 

 

 

Zweisprachiges Schilde des Touristenbüros Jajce.

 

Krieg

 

"40 km um Banja Luka herum ist alles minenfrei", sagt Heiko, der an der Uni in Banja Luka unterrichtet.

Die Sonne scheint warm auf die bewaldeten Berge. Gestern habe ich mit Ivana über Pilze gesprochen. Der Boden riecht nach feuchter Erde, nach Pfifferlingen und Steinpilzen.

"Als Wanderer ist man natürlich sehr gefährdet", spricht Heiko weiter. "Aber das machen die Einheimischen eh nicht. Um Sarajevo herum kann man schön in die Berge gehen, aber da braucht man einen Führer." Und nach einer kurzen Pause ergänzt er: "Also wegen der Minen."

Nachdenklich lasse ich meinen Blick über die Hänge schweifen. Eine Wanderung im Minengebiet? Einen Bergführer, der dich nicht vor Schluchten, Lawinen oder Steinschlägen schützen soll, sondern vor dem grausamen Kriegsmaterial, das auch noch nach 15 Jahren  Waffenstillstand unvermindert seine todbringende Wirkung explosionsartig entfaltet? Nein, Wandern in Bosnien ist gestrichen und Pilze sammeln auch. Aber wie ist es mit den Tieren? Müsste nicht manchmal ein Knall durch die bosnische Bergwelt donnern, weil ein Reh oder ein Wildschwein auf eine Mine getreten ist?

"Angler sind natürlich auch sehr gefährdet, weil es die Minen mit dem Wasser und dem Schlamm die Flüsse entlang spühlt", erklärt Heiko." Wenn ihr morgen in die Herzegowina fahrt, werdet ihr immer wieder Warnschilder sehen", verspricht er.

"Als wir mit dem Bulli durch Bosnien gefahren sind, hatten wir manchmal Angst, zum Pinkeln ins Gebüsch zu gehen", sagt Anne.

Noch eine Million Minen auf dem gesamten Staatsgebiet schätzt man und fast 500 Tote durch "Minenunfälle" seit Kriegsende.

Die Sonne scheint warm auf die bewaldeten Berge. Nachdenklich lasse ich meinen Blick über die Hänge schweifen. Noch eine geschätzte Million Minen.

Als wir wieder in den Bus steigen, um weiter durch diese tolle Landschaft zu fahren, ist mir kalt. Wie konnte Ivana gestern nur so begeistert vom Pilzesammeln erzählen? Ich werde damit warten, bis ich in Tirol bin.

 

Unsere Stadtführerin in Sarajevo geht mit uns in die Kupferschmiedgasse. Sie zeigt uns die schönen Čezvas, erklärt, wie man den Kaffee darin zubereitet, hängt sich einen Wasserkrug über die Schulter und berichtet davon, dass die jungen Leute früher gerne Wasser am Brunnen geholt haben, weil das die einzige Möglichkeit für einen kurzen Flirt war. Dann nimmt sie einen länglichen Gegenstand in die Hand, der von außen mit typischen Mustern verziert ist, innen hohl, verwendbar als Vase etwa für drei langstielige Rosen. Ähnliche Behältnisse gibt es auch in anderen Größen. In manche könnte man gar eine kleine Yucca-Palma pflanzen. Wer die "Vasen" umdreht wir kleine Zahlen eingraviert finden. Spätestens dann ist klar, dass man eine Granatenhülse in der Hand hält, auf der sich das Kaliber noch ablesen lässt. Es gibt auch Kugelschreiber oder Anhänger aus Patronen. "Die Menschen wollen zeigen, dass das sehr wertvolles Material ist, aus dem man auch etwas Schönes machen kann", sagt unsere Stadtführerin. Ich kaufe vier Kugelschreiber, die ich verschenken möchte, an Menschen, in deren Hände die Patronen gut aufgehoben sind. Von nun an werden sie liebe Briefe und warme Worte produzieren und zeigen, dass man damit "auch etwas Schönes machen kann".

 

Patronengelschreiber und -anhänger - ein beliebtes Mitbringsel aus Bosnien.

 

In der Fußgängerzone in Sarajevo steht eine junge Frau. Ihre blonden Haare hat sie zu einem strengen Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Ihre dunklen Augen und die nach unten gezogenen Mundwinkel geben ihrem hübschen Gesicht einen verbitterten Ausdruck. Sie steht stramm und muskulös wie eine Leichtathletin, mit vorgestreckter Hand, neben ihr zwei Krücken, ihr fehlt der rechte Unterschenkel.

Nicht weil sie jung ist und nicht weil sie gut aussieht fällt sie auf. Sie fällt auf, weil sie behindert ist, und weil auffällt, dass es nicht viele Behinderte in Sarajevo gibt. Krieg und Belagerung, Minen und Granaten – man muss es nicht selbst erlebt haben um zu wissen, dass es 15 Jahre danach tausende verletzte, kriegsgeschädigte, verstümmelte Menschen geben muss, aber wo sind sie?

Wir finden nur eine Erklärung, die genauso traurig ist wie das Bild der jungen Frau in der Fußgängerzone: Diese Menschen sitzen zu Hause, womöglich haben sie keine Arbeit, keinen Alltag, keine Invalidenrente, die ihnen ein Auskommen sichert. Vielleicht halten sie sich auch fern von der Altstadt, in der die Touristen Patronenkugelschreiber und Granatenvasen kaufen.

 

In der Dunkelheit schimmern die Steine grün, ein großer und ein kleiner, die wie voneinander abgespaltet aussehen. Sie sehen aus wie Mutter oder Vater mit einem kleinen Kind. Sie stehen im Wasser. Warum halten sie das Kind nicht bei der Hand? Sie sollten das Kind festhalten. Aber der Stein bleibt kalt und glitzert grün im Wasser ohne die Hand auszustrecken. Im Wasser sind kleine Fußabdrücke, die die Wellen nicht fortspülen können. Sie bleiben immer sichtbar. Nur manchmal verdeckt eine abgelegte Blume eine kleine Zehe oder den runden Fersenabdruck.

Wir stehen vor dem Denkmal, das an die toten Kinder erinnert, die in den Kriegsjahren 1992-1995 ihr Leben lassen mussten. An der Seite sind Trommeln angebracht, auf der die Namen der Jungen und Mädchen stehen, das Geburts- und das Sterbejahr. Die Trommeln klingeln wie lustiges Kinderspielzeug, wenn man sie dreht, um die Namen zu lesen. Die Geburtsjahre decken sich mit unseren und denen unsere Geschwister. Es sind muslimische Namen und slawische, moderne oder traditionelle. Ich drehe die Trommeln und lese den Vornamen, den auch meine kleine Schwester hat, dann den, den meine Freundin hat. Dann muss ich weg gehen und lasse nur eine Kastanie in einem kleinen Fußabdruck liegen.

 

Denkmal für die Kinder, die im Krieg 1992-1995 gestorben sind, Sarajevo.

 

Auf dem Asphalt zu unseren Füßen sind viele kleine rote Kreise nebeneinander, wie die Köpfe roter Rosen in einem Blumenstrauß. Es sind Löcher, die eine Granate in die Straße gerissen hat, und die dann mit rotem Harz gefüllt wurden. Die "Rosen von Sarajevo" sind versteinerte Blumen, die auch dann an die Toten erinnern, wenn heute ein geschäftiger Alltag in den Straßen herrscht.

 

Eine "Rose von Sarajevo".

 

Die Brücke in Mostar hat aufgehört zu bluten. Sie steht wieder und ermöglicht wenigstens den Touristen von der bosniakischen auf die kroatische Seite zu gehen und umgekehrt. Aber die Ruinen und die Löcher in den Häuserfassaden zeugen noch von den schrecklichen Ereignissen, die hier die Bevölkerung entzweit haben. Wie sich das Miteinander heute gestaltet, ist schwer zu beurteilen. Unsere Stadtführerin erzählt von dem Beschuss der Brücke von kroatischer Seite. "Aber, ich sage nicht, es waren die Kroaten. Ich sage, das war die Tat eines Menschen ohne Kultur und Verstand, ohne Sinn für ein historisches Erbe von so unschätzbarem Wert. Die Kroaten verurteilen und bedauern diese Tat in gleichem Maße wie die Bosniaken." Erst später erfahre ich, dass sie Muslimin ist.

Die kroatische Seite der Stadt wird von einem riesigen Kirchturm dominiert, in dessen Schatten bereits der Grundstein für eine Synagoge gelegt wurde. Oben auf dem Berg thront ein völlig überdimensioniertes Kreuz. Wie eine Drohung wirkt es, wenn man am bosniakischen Ufer der Neredva steht, und sich seine Kanten scharf gegen den blauen Himmel abzeichnen.

Allein gehe ich an Ruinen vorbei. Zum Teil sind die Fassaden rußgeschwärzt. An den Außenwänden sind Warnschilder angebracht, die das Betreten der Gebäude untersagen. Die leeren Fenster wirken wie erblindete Augen, die verständnislos und traurig auf die Straßen glotzen. Aber in einigen Ruinen wohnen jetzt Feigen und andere Bäume, und manchmal wächst ein Ast so keck aus einem der Fester heraus, als wollte die Feige jemandem auf der Straße zuwinken und rufen: "Das wird schon wieder!"

 

 

"Das wird schon wieder!" winkt der Feigenbaum aus der Kriegsruine in Mostar.

 

 

Wer nach all diesen ernsten Gedanken noch Lust auf einen erbaulichen Text zu Bosnien hat, der sei auf den "Letzen Teil der Studienreise - die Heimfahrt oder die Prüfung" verwiesen. 

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