Studienfahrt nach Bosnien und Herzegowina
29.09. – 8.10.11
von Nasrin Arnold

Letzter Teil der Studienreise – Die Heimfahrt oder die Prüfung
Wir sind frühzeitig am Busbahnhof, können schon einsteigen und haben freie Platzwahl. Die meisten von uns suchen sich einen Sitz im vorderen Teil des Busses. Anne und ich besetzen den Zweier direkt hinter der zweiten Türe, weil man da eine schöne Ablage vor sich hat. Eine folgenschwere Entscheidung, wie sich bald herausstellen sollte.
Langsam füllen sich die Sitze. Es sind Bosnier, meistens ältere Leute, die mit uns im Bus fahren. Sie haben riesige Plastiktüten voll Essen dabei, als müssten sie sich in der nächsten Woche in der Wildnis selbst versorgen. Gemeinsam mit Handtaschen, Decken, Kissen und Nackenstützen verschwinden die Plastiktüten zunächst unter den Sitzen oder in den Ablagen und verströmen von dort einen fettigen Burek- und Ćevapi-Geruch.
Als es losgeht, ist der Bus noch halb leer. Željana kommt zu uns, um sich mit uns über unsere Eindrücke von der Exkursion zu unterhalten. Wir sollen uns ein Thema suchen, über das wir etwas schreiben wollen. Ich entscheide mich für Sarajevo – das europäische Jerusalem hat mich fasziniert.
Während es langsam dunkel wird, halten wir an diversen Tankstellen, an denen Päckchen und Briefe übergeben oder eingesammelt werden. Immer wieder steigen auch noch Leute ein. Der Bus füllt sich. Der Burek-Geruch wird mit jeder zusätzlichen Plastiktüte exponentiell penetranter.
Der Busfahrer sagt durch, dass wir einen Umweg fahren müssen, weil irgendeine Straße gesperrt ist. Kurvenreich schaukeln wir durch die zunehmende Finsternis. Bald ist es dunkel und in den Fenstern sehen wir unsere Spiegelbilder. Es ist warm im Bus. Die Leute wühlen in ihren Plastiktüten, essen und trinken. Anne stellt das Gebläse stärker, weil man kein Fenster aufmachen kann.
Nach drei Stunden wankt ein älterer Herr durch den Gang in Richtung Bustoilette. Kurz bevor er sein Ziel erreicht, geht es los. Er trifft den Boden und den Treppenaufgang. Dennoch schließt er sich minutenlang ein und setzt fort, was er auf der Treppe begonnen hat. Dank Annes und meines guten Platzes dürfen wir akustisch alles live miterleben. Anne verflucht schon jetzt unsere unüberlegte Sitzplatzwahl – Pinkeln, Kotzen, Kacken, wir sitzen immer in der ersten Reihe.
Kurz darauf die erste Pause. Der Busfahrer säubert mit der Gieskanne den Gang, den Treppenaufgang und das Klo. Anne und ich verschwinden kurz in der Dunkelheit, weil wir nicht mit ca. 50 weiteren Damen im Zigarettenrauch darauf warten wollen, auch schnell die eine Örtlichkeit aufsuchen zu dürfen. Bei der Toilette im Bus sind wir uns nicht sicher, ob sie in den nächsten Stunden nicht vielleicht anderweitig dringender benötigt wird.
Neben uns steht ein weiterer Reisebus, der auf dem Weg nach Hamburg ist. Als wir weiterfahren wollen, bricht auf den Sitzen hinter uns die Panik aus. Eine Frau hat ihre Handtasche auf der Toilette vergessen und meint nun, jemand müsste damit in den Bus nach Hamburg gestiegen sein. Der Busfahrer, der jetzt zum Glück noch Verstärkung von zwei Kollegen bekommen hat, bleibt gelassen. Er zückt das Handy, nimmt Kontakt mit dem anderen Reisebus auf, doch – oh, Wunder – plötzlich ist die Handtasche wieder da.
Wir setzen unsere Reise fort. Hinter uns hält ein besorgter Mann seiner kotzenden Frau liebevoll den Kopf. Derweil hat der Mann schräg vor uns sein Grillhähnchen ausgepackt und kiefert in Seelenruhe die Knochen ab. Einer der Busfahrer verteilt schwarze Plastiktüten und Küchenrollen für alle Fälle. Anne und mir ist längst der Appetit vergangen, obwohl es Zeit für ein Abendessen wäre. Ich kann schon lange nicht mehr sagen, ob mir nicht vielleicht auch schlecht ist, und Anne legt uns vorsichtshalber eine Tüte bereit.
An irgendeiner Haltestelle steigt eine ältere, schwergewichtigere Dame in den Bus ein. Sie lässt sich auf den freien Sitz links neben mir auf der anderen Seite des Gangs fallen. Ein Mann, der ihr Sohn sein könnte, trapiert diverse Taschen und Tüten um sie herum, gibt ihr einen Kuss und steigt wieder aus. Die Frau schaut neugierig zu Anne und mir herüber. Einmal. Zweimal. Dreimal. Und ich weiß, es wird nicht lange dauern bis sie uns anspricht.
Ich laufe schnell nach vorne zu Željana und frage, ob ich mein Thema noch einmal ändern kann. Viel aufregender noch als Sarajevo scheint mir die Heimfahrt mit dem Bus zu sein. Großes Kino! Kaum komme ich zu meinem Platz zurück, muss ich feststellen: Die Dame zu meiner linken hat Anne angequatscht. Spricht sie Deutsch. Wohnt sie Berlin. Seit 1971. Zora ihr Name. Geboren 1945. Brustkrebs. Jetzt bringt sie schöne Sachen für Doktor. Pfeife. Flachmann. Macht sie noch Schnaps rein. Hat sie jemacht schöne Socken. Ihre Jelena auch studieren. Polizei. Du da! Du da! Zora streckt den Zeigefinger aus und deutet auf imaginäre Personen, denen sie Befehle erteilt, so wie ihre Jelena das wohl in der Polizeischule tut. Zora kommt aus Teslić. "Hast du jelesen Teslić?", fragt sie mit deutlichem Berliner Akzent. "Nee, noch nicht", antworte ich und frage mich dabei, ob das auch ein Roman von Ivo Andrić ist. Dann fragt sie, ob wir Banja Luka gelesen haben und den Markt in Banja Luka, wo es auch so schöne Socken gibt, wie sie sie für den Herrn Doktor gemacht hat, der sie an der Brust operiert hat. Ja, haben wir jelesen, sagen wir. Dann packt Zora eine große Plastiktüte mit Essen aus und legt sie vor meine Nase auf die Ablage. Durch das durchsichtige Material erkenne ich Brötchen, Fleischtomaten und eine riesige Salami. Dass ich die jetzt die ganze Zeit anschauen muss, ist nicht gerade dienlich für das merkwürdige Gefühl in meinem Magen und meiner Kehle. Es dauert auch nicht lange, da fahren wir in eine scharfe Kurve und ich habe – zack – die Salami im Schoß. "Hahaha, meina Slama, meina Slama!" kreischt Zora vergnügt und schaut zufrieden dabei zu, wie ich ihr Fresspaket wieder auf die Ablage bugsiere. Im nächsten Moment reißt sie sich das Hemd hoch, entblößt ihren voluminösen Bauch, verpasst sich eine Injektion und erklärt: "Habe ich Zucker!" Beim Versuch, die Spritze zu entsorgen, fällt ihr diese leider auf den Boden, doch gerade verteilt der Busfahrer mal wieder eine Runde Spuktüten und bei der Gelegenheit schmeißt er auch gleich die Spritze in einen Müllsack.
Die kotzende Frau hinter uns begibt sich jetzt unter Stöhnen auf den Treppenabsatz zu unseren Füßen, um der Toilette näher zu sein. Eine einfühlsame Frau in ihrer Nähe befindet die vom Busfahrer verteilten Tüten als zu klein, sammelt diese wieder ein und spendiert der Frau am Treppenabsatz ein Plastikbehältnis mit größerem Fassungsvermögen. Ein Mann reicht der Frau Wasser, empfiehlt ihr Mandarinen und gibt ihr den guten Rat, ruhig etwas zu essen. Anne schmeißt sich neben mir fast vom Sitz, weil sie die tollen Tipps der Mitreisenden für den blanken Sarkasmus hält. Der Frau am Treppenabsatz ist weniger zum Lachen. Man hat ihr auch geraten, sich nach vorne zu setzen, wo sie auf die Straße schauen kann, aber dort ist kein Platz mehr frei, und der Busfahrer hat deutlich zu verstehen gegeben, dass er das Gekotze nicht um sich haben will.
Zora bleibt gelassen. Erzählt weiter von ihrem Arzt, der sie demnächst auch an der Blase operieren soll. Sie öffnet ihre riesige Handtasche und klopft auf die Windeln oder Binden darin, um mir das Problem näher zu erläutern. Ich habe schon verstanden.
Jetzt, wo die Tasche schon mal offen ist, wühlt sie darin herum, bietet mir Taschentücher und Traubenzucker an. Ich lehne alles dankend ab. Ein Fehler, denn offensichtlich will sie mir unbedingt etwas Gutes tun. Plötzlich spüre ich etwas Eisigkaltes an der Hand, eine Wolke steigt mir in die Nase, die mir fast den Atem nimmt. Anne neben mir wedelt mit den Händen in der Luft herum und vergewissert sich, dass unsere Kotztüte noch da ist. Der Nebel legt sich langsam und zurück bleibt ein billiger Parfümduft, der sich schnell mit den Burek-Schwaden zu einer dermaßen ungünstigen Kombination verbindet, dass unsere Körperbeherrschung auf eine schwere Probe gestellt wird. Erst jetzt realisiere ich, was eigentlich passiert ist. Zora hat es gut gemeint und ihr Deo großzügig über sich, mich und den halben Bus versprüht.
Als wir uns der bosnisch-kroatischen Grenze nähern, kommt eine Durchsage des Busfahrers durch die Lautsprecher. Er erklärt uns, dass der Bus vollbesetzt sei, dass der Gepäckraum ebenso vollgestopft sei, dass wir demnächst durch die Kontrolle müssten, dass es unter Umständen lange dauern könne, und dass wir uns überlegen sollten, ob wir nicht ein, zwei Mark geben wollen.
Im nächsten Moment ergreift eine gut aussehende Frau, geschätzte 40 Jahre, die Initiative und geht mit einem Plastikbecher durch den Bus. Anne und ich sehen, dass unsere komplette Gruppe nichts in den Becher wirft, aber nach allem, was mir allein Zora über ihr Gepäck erzählt hat, entscheide ich mich erstens für die Solidarität und zweitens für eine zügige Überquerung des Grenzüberganges. Anne und ich opfern unsere letzten Mark und erkaufen uns damit zunächst spürbar die Zuneigung unserer Mitreisenden. Die beiden Herren schräg vor uns, die der kotzenden Frau die Mandarinen empfohlen haben, zeigen sich plötzlich viel aufgeschlossener und beginnen den ersten Smalltalk mit uns. Auch die Frau hinter Zora spricht plötzlich ein paar deutsche Sätze mit mir.
Der Becher ist nur halb voll und wir überlegen, ob wir noch eine zweite Sammelrunde starten sollten. Aber dann sind wir an der Grenze, steigen aus, zeigen die Pässe, steigen wieder ein. Zwei Taschen werden schnell durchsucht. Ein Koffer sei voll Käse und Fleisch, heißt es. Das Ganze dauert vielleicht zehn Minuten, dann sind wir in Kroatien. Wieviel uns die kleine gemeinschaftliche Kollekte genützt hat, bleibt wohl Gegenstand von Mutmaßungen, aber geschadet hat sie sicherlich nicht.
Zora hat Hunger bekommen. Sie greift nach ihrer Plastiktüte und sucht ein Messer aus der Handtasche. Anne kennt die balkanische Gastfreundschaft und rät mir, mich schnell schlafend zu stellen, wenn ich nicht gleich die gute Salama probieren will. Gerade möchte ich dem Vorschlag nachkommen, da sagt Zora: "Scheißße, nix mehr gut, meina Salama, muss ich wegschmeiße. "Schon erleichtert will ich mich vergewissern, richtig gehört zu haben und frage: "Ist nicht mehr gut?" "Nee", sagt Zora und hält mir die riesige Wurst unter die Nase. Geistesgegenwärtig halte ich die Luft an und pflichte ihr mit gepresster Stimme sofort bei. Gott sei Dank verschwindet die Salama im Müllbeutel, ohne dass ich ihre Ausdünstungen aus nächster Nähe ertragen muss.
Langsam wird es ruhiger im Bus. Einige fallen trotz der unbequemen Sitzposition in einen leichten Dämmerschlaf. Der ein oder andere Tito-Witz wird noch erzählt, aber leider verstehen wir ihn entweder akustisch oder mangels Sprachkenntnissen nicht.
Zora zeigt mir Bilder, die der Arzt von ihr gemacht hat, als sie nach der Chemo keine Haare hatte. Sie bekommt vom vielen Sitzen dicke Füße, zieht ihre Thrombosestrümpfe aus und hängt sie über meine Armlehne.
Anne sagt, ich soll mir ein paar Notizen machen, sonst vergesse ich die Hälfte von dieser aufregenden Heimfahrt. Macht nichts, Anne. Wenn ich die Hälfte weglasse, ist es immer noch genug.
Als wir endlich in Nürnberg aussteigen, wünscht Zora uns alles Gute. "Bleibst du gesund", sagt sie, und es klingt fast wie eine Drohung. Wir sollen kommen. Nach Berlin oder Teslić. Teslić im August, wenn Zora nackt auf ihrem Balkon sitzt und braun wird. Zora hat einen Balkon zum Osten, auf dem sie in der Früh sitzt, und einen zum Süden hin, auf dem sie am Nachmittag sitzt, und eine Garage 6x12 Meter. Teslić hat nur ca. 60 000 Einwohner. Ich werde Zora finden, wenn ich mal nach Teslić komme.
Der Mandarinen-Mann winkt zum Abschied. Zora hat jetzt zwei Plätze für sich und für die Mitbringsel, die der Herr Doktor bekommen soll.
Wir haben die Busfahrt überlebt. Keiner hat gekotzt. Prüfung bestanden. Wir sind erprobte Balkanologen!
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