Russland 24.02.-24.03.07

Fotos und Textauszüge aus meinem Reisetagebuch

Heidelberg, Mai 2007

 

 

 

Wir finden einen Fahrer, der uns für 200 Rubel zur Uni bringt. Ein Mann mit sympathischen Opafalten, ein altes Auto. Die Musik im Auto ist gut. Eine Nachtfahrt durch Moskau - schön. Wir fahren an der Schokoladenfabrik „Красный Октябрь“ und am Peter-der-Große-Denkmal vorbei.

Als wir vor der Uni halten, ist plötzlich die Polizei hinter uns. Irgendjemand stellt die schöne Musik aus. Man kontrolliert unsere Pässe. Natürlich haben wir sie dabei. Dann können wir gehen, aber unser Fahrer muss den Kofferraum aufmachen, seine Papiere vorlegen, sich befragen lassen. Zhenja schafft es irgendwie, ihm die 200 Rubel zuzustecken. Dann gehen wir. Zarah meint, wir können unseren Fahrer nicht so stehen lassen, er brauche doch Zeugen. Für was denn? Auch Zhenaja sagt, dass die Polizei einfach schikanieren möchte. Die Situation ist nicht schön. Zhenja redet nicht wirklich darüber. Als ich sie frage, ob sie darüber noch nachdenkt, sagt sie, die Situation sei nicht normal, aber sie verstehe sie.

Ich verstehe nichts. Zhenja tut mir leid. Jetzt muss sie dummen Deutschen noch die Regeln ihres Staates erklären, der keine Regeln hat.

Im Aufzug zeigt sie mir ihren Propusk. Es ist gar nicht ihrer, sondern der einer Freundin, den sie den Wärtern unter die Nase hält. Zhenja ist gar keine Studentin mehr. Jetzt begreife ich langsam.

In Russland geht alles und nichts – das scheint die einzige Regel zu sein. Man muss nur wissen wie!

 

 

Nach der Besprechung gehe ich mit Christian auf sein Zimmer, damit er endlich ausprobiert, ob die SIM-Karte funktioniert, die bei mir nicht geht. Wenigstens sehe ich so mal ein Zimmer im Block D. Diese sind nämlich nicht renoviert. Tatsächlich sieht es lange nicht so sauber aus, alles ein bisschen provisorisch. Chris hat einen großen Kühlschrank im Zimmer, der aber nicht funktioniert. Weil er sich zwei angeknabberte Äpfel nebeneinander ins Regal gelegt hat, finde ich, dass Chris doch viel besser in diesen Raum passt, als beispielsweise ich.

Zurück auf meinem Zimmer ist es fast acht. Ich mache mir ein Fertiggericht und lerne dabei, dass junge Russinnen, die schon vor mir in der Küche waren, meinen Gruß beim Eintreten nicht unbedingt erwidern. Dafür haben sie aber eventuell nur mit Unterhosen bekleidete, dickbäuchige Freunde, die ab und zu kommen, um in der Pfanne die Kartoffeln zu wenden. Ich bin froh, dass der deutsche Fertiggerichtmarkt es ermöglicht, dass ich mich diesem Anblick nicht länger als 15 Minuten aussetzen muss und ziehe mich baldmöglichst diskret in mein Zimmer zurück.

 

 

Als wir den Markt schon fast verlassen haben, mache ich den Fehler, interessiert auf eine Trainingsjacke zu schauen. Sofort quatscht mich der Verkäufer an. Ich sage ihm, dass ich gerne eine kleinere hätte. Er zeigt mir welche, die noch immer zu groß sind. Die Frage nach dem Preis wird nicht beantwortet. Sein vielleicht 13 jähriger Sohn winkt mich zu einem anderen Stand, wo es kleinere Anzüge gibt. Er ist super engagiert und will wohl seinem Papa jetzt zeigen, dass er sich zum Geschäftsmann eignet. Wieder frage ich erfolglos nach dem Preis.  Eine Jacke wird für mich herangezerrt. Ich frage wieder und wieder nach dem Preis. Statt zu antworten nötigt man mich die Jacke anzuziehen. Sie stinkt total giftig. Dann hält der Papa ein Feuerzeug an den Ärmel, um mir zu zeigen, dass das Zeug nicht in Flammen aufgeht – endlich der Preis: 1200! Ich zeige ihm den Vogel. Er will, dass ich einen Preis nenne; 200 sage ich. Er glotzt wehleidig und sagt 500, aber ich will das Ding nicht mehr, nachdem ich es gerochen habe. Also mache ich Anstalten zu gehen. Da schaltet sich der Kleine wieder ein. Als ich entschieden „Danke!“ sage und mich wegdrehe, zischt er mir irgendwas in einer fremden Sprache nach. Sein Papa hat noch nicht aufgegeben und läuft mir noch eine Weile hinterher. Er geht sogar auf 400 Rubel runter. Ich bin froh, dass ich nichts gekauft habe – schließlich muss das ein ganz schöner Dreck sein, wenn sie ihn so unbedingt loshaben wollen.

 

 

 

Zunächst ist es ziemlich nervig, mit zwei Handschuhen, einer Kamera, einem elektronischem Guide und einer Übersichtskarte mit den Namen aller Gebäude und den Nummern für den entsprechenden Text auf dem Touristenwalkman rumzumachen. Schnell jedoch rücken diese  Schwierigkeiten in den Hintergrund, denn es tun sich andere Hindernisse auf.

Als ich bei dem Versuch, eine gewaltige Schneematschpfütze zu umgehen, unbemerkt eine weiße Linie auf dem Boden überschreite, höre ich plötzlich hinter mir einen schrillen Pfiff. Ich drehe mich verwundert um und stelle fest, dass er mir galt, denn da steht ein uniformiertes Männchen mit Trillerpfeife, funkelt mich an und fuchtelt mit den Armen in der kalten Moskauer Luft herum. Einen kurzen Moment irritiert, deute ich diese Geste folgendermaßen: „Mir selbst der Hirnrissigkeit meiner Arbeit bewusst, möchte ich Sie tunlichst bitten, wieder das von unserem volksnahen und aufgeschlossenem Staat markierte Territorium zu betreten, da ich von höchster Stelle angewiesen worden bin, den Besuchern und Liebhabern unserer kulturellen Stätten den richtigen Weg zu weisen.“ Mitleidig lächelnd (denn der armen Mann kann ja schließlich auch nichts dafür, dass die russische Politik in der Durchsetzung der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen erfolgreicher war, als beispielsweise der konservative, festgefahrene und für stocksteife Bürokratie bekannte deutsche Bruderstaat) – also mitleidig lächelnd überschreite ich neuerdings die weiße Linie, wobei ich mich schon wundere, dass man meinen Grenzübertritt nicht viel effektiver von vornherein mit einer gigantischen Mauer, Stacheldraht, Hunden und Mienengürteln verhindert hat.

 

 

 

Meine Gedanken werden durch die säuselnde Stimme meines elektronischen Reiseleiters vertrieben, der mich durch diverse Kirchen führt. In einer höre ich einen interessanten Kirchenchor, dann bestaune ich allerlei Gegenstände der russischen Zaren: Geschenke, Taschenuhren, Geschirr, sowie einige Möbel. Die Ausstellungsräume bieten nur wenige Sitzgelegenheiten. Während die Stimme an meinem Ohr versucht, mir die 12 000. Ikone schmackhaft zu machen, erprobe ich in voller Absicht die Funktion der dicklichen Damen, die in den Ecken der Räume jeweils die wenigen Stühle besetzen. Indem ich so tue, als lausche ich andächtig den Ausführungen des Kunstschwaflers im Apparat, begaffe ich mit vor Staunen geöffnetem Mund die Heiligen, die alle wehleidig auf mich herabglotzen, und lehne mich – mir meiner Sünde bewusst – mit der Schulter gegen eine dicke weiße Säule, ohne jeden Schmuck. Tatsächlich erreiche ich, dass die Eckdame sich erhebt  und auf mich zukommt. Zunächst bin ich versucht, schnell zu ihrem Stuhl zu rennen und mich hinzusetzen, aber da der Sprachkurs teuer war, und ich ihn gerne beenden würde, nehme ich Abstand von der Säule und versuche mein Glück bei der Kanone. Hier werde ich Zeugin einer weiteren Liebenswürdigkeit den Touristen gegenüber, ohne diese selbst provozieren zu müssen. Ich treffe nämlich auch hier wieder auf die gute alte weiße Linie. Sie tut hier ihren tüchtigen Dienst für die russische Wirtschaft, indem sie so nahe an allen sehenswerten Objekten vorbeiführt, dass eine Aufnahme mit dem eigenen Fotoapparat unmöglich ist, ohne ihre bedeutungsträchtige Anwesenheit zu ignorieren. Bepfeiffte unterstützen ausnahmslos ihre Autorität.

 

 

 

Der Rote Platz ist bis 13 Uhr gesperrt und nur  für Grabstättenpilger zugänglich. Wir gehören zwar dazu, aber da wir Fotoapparate (dazu zählen auch Kameras in Handys) haben, werden wir zur Abgabe unserer Taschen aufgefordert. Wir lösen dies anders. Zarah, Claudio und Giulia gehen zuerst, Maxime, Anne und ich warten.

Dann machen wir uns auf zum ehrwürdigsten, russischen Heiligtum. Der Weg dorthin ist mit Wachmännern gekennzeichnet. Im Inneren des Mausoleums ist es finster, die Treppen sind vermutlich aus schwarzem Marmor. Das Auge hat Mühe, sich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Das zwingt einen zu einem ruhigen, andächtigen Gang. Es geht hinunter, dann in einer Kehre wieder hinauf. Die Totenwächter in den Ecken stehen stumm und machen sich nur mit knappen Zurechtweisungen bemerkbar, wenn man länger als zwei Sekunden stehen bleibt oder gar respektlos die Hände in den Hosentaschen trägt. Dann sehen wir ihn endlich aufgebahrt. Da liegt der Leichnam Lenins. Er trägt einen schwarzen Anzug, die rechte Hand zur Faust geballt, die andere geöffnet, liegen beide Arme locker auf seinem Körper. Ein warmes Licht strahlt das schlafende Gesicht an, lässt es ruhig, zufrieden und versöhnlich aussehen. Keine Anzeichen von Verwesung, wachspuppengleich liegt er da, keine weitere Symbolik. Dann ist man schon wieder draußen, wird hinter dem Mausoleum vorbeigeführt. Auch hier befinden sich Gräber berühmter Russen – Stalin fällt durch üppigen Blumenschmuck auf. Gagarin ist dank der roten Schnittpflanzen auf seinem Stein schnell ausgemacht.

 

 

 

Wir laufen zur U-Bahn, fahren zum Leninskij-Bahnhof und laufen einen kilometerlangen Zug entlang, bis zu unserem Wagon Nr. 14. Im Zug dann die Überraschung: dieser Schlafwagen hat nichts mit dem zu tun, mit welchem  ich damals nach Krakau gefahren bin. Es gibt keine getrennten Abteilungen, alle Sitzgelegenheiten lassen sich zu Liegen umfunktionieren, immer zweistöckig und darüber eine Ablage, auf der zusammengerollte Matratzen und frische Bettwäsche liegen. Abfahrt: 22:20 Uhr. Das Abteil ist voll. Ein Schaffner kassiert nochmal 51 Rubel für das Bettzeug. Wir rollen die Matratzen aus. Die Russen zeigen sich super hilfsbereit, helfen mir beim Rucksack-Hochhiefen und Bett überziehen. Klimczak ist in einem anderen Abteil – ob er es vornehmer hat?. Mir aber gefällt es so! Es hat was uriges, gemütliches, abenteuerliches. Schnell kommen wir mit der sehr netten Reisegruppe neben uns ins Gespräch. Sechs junge Russen und Russinnen, die gerade aus zwei Wochen Ägyptenurlaub zurückkommen. Sofort werden wir zu Malibu mit Cola eingeladen, was außer mir gerne alle annehmen. Dann wird lange geredet. Claudio führt sogar einwandfreie, politische Diskussionen. Ich spreche kein Wort, freue mich aber, dass ich alles verstehe. Die sechs sind sehr offen, stellen viele Fragen über Deutschland und Italien und erzählen über Russland, Moskau und St. Petersburg. Irgendwann wird das Licht gedimmt, auf der Toilette geht das Papier aus. Nach und nach legen wir uns in unsere Kojen, eigentlich sind wir sehr müde, die Matratzen sind o.k. und das sanfte Zuggeschüttel wiegt einen angenehm hin und her, aber das Schnarchen meines Nachbarn ist unrhythmisch und so laut, dass auch Toni Dimitrova auf meinem mp3-Player es nicht übertönen kann. Immer wieder unterhalten wir uns und finden keinen Schlaf. Kurz vor sechs weckt uns der Schaffner. Ich putze Zähne, wir räumen unsere Betten auf, packen zusammen und kommen ca. um 6:30 Uhr morgens müde, aber um eine echt russische Erfahrung reicher in Petersburg an.

 

 

 

Wir kaufen für 14 Rubel pro Nase Einzelfahrscheine und bekommen Jetons für die Einlasssperren. Als Michael nach Maja und mir den Zugang passiert, stürmt sofort ein Mann mit strenger Miene und Mappe in der Hand auf ihn zu. Er verlangt 50 Rubel Strafe dafür, dass Michael mit einem offenen, alkoholhaltigen Getränk das Bahngelände betreten hat. In der Tat hält Michael einen Energiedrink mit sieben Prozent Alkohol in der Hand. Jegliche Versuche, sich raus zureden und zu beteuern, dass man diese Regel nicht gekannt hat, prallen an der unsympathisch steinernen Visage des Jägers ab, der sicher auf der Lauer gelegen und sein ahnungsloses Opfer beobachtet hat, statt es freundlich auf den drohenden Regelverstoß hinzuweisen. Während Christian das Getränk schnell wegbringt, blicke ich mich um und entdecke an den Wänden tatsächlich Plakate mit ellenlangem Kleingedrucktem. Ich mache mir nicht die Mühe, zu gucken, ob der Verhaltenskatalog auch in Fremdsprachen ausgehängt ist, denn hier scheint jegliche Diskussion sinnlos. Also witzeln wir darüber, dass diese harte Konsequenz wahrscheinlich nur Ausländer zu spüren bekommen, und dass so ein Strafzettel für 1,50 Euro doch ein nettes Souvenir ist. Auf der Rolltreppe erdreistet sich Christian dann zu fotografieren. Zwar wussten wir ohnehin schon, dass es verboten ist, aber jetzt sollten wir auch erfahren, was es kostet, wenn man sich nicht daran hält. Gerade in diesem Moment fährt nämlich eine Ordnungsfrau auf der anderen Seite hoch und ruft uns hinterfotzig grinsend zu, dass Christian sich unten auf 100 Rubel Strafe gefasst machen solle. Der taucht aber einfach in der Menschenmasse unter und fotografiert weiter. Besonders ulkig wird die ganze Geschichte erst unter dem Aspekt, dass die armen Russen für ihre Leidenschaft, Regelverstöße zu ahnden gar keinen eigenen Begriff verwenden, sondern sich von den netten Deutschen das Wörtchen „Шдраф“ ausgeliehen haben. Jetzt könnte man anfangen, darüber nachzudenken, wer mit dem ganzen Mist angefangen hat, aber dazu ist keine Zeit, denn wir sind nach einmaligem Umsteigen an unserem Ziel angekommen.

 

 

 

Zu dritt fahren wir zur alten Tretjakov-Galerie. Zweimal müssen wir umsteigen und erleben dabei endlich einmal richtige Metro-Rush-Hour. In einem riesigen Menschenknäuel tippeln wir langsam vorwärts, tasten uns zur Rolltreppe, bahnen uns den Weg zum richtigen Gleis, bemühen uns um eine günstige Ausgangsposition, denn kaum kommt ein Zug hereingebraust, öffnen sich seine Türen, und noch bevor einige den Wagon verlassen haben, hört man durch die Lautsprecher schon, dass die Türen wieder geschlossen werden. Wer da ungünstig steht hat Pech gehabt und muss auf die nächste Bahn warten. Trotz allem sind wir pünktlich um zehn vor der Galerie, die soeben erst ihre Pforte öffnet. Eine junge, aufgedonnerte Russin auf hochhackigen Schuhen, im Minirock, mit langen blonden Haaren und kräftigem, ebenfalls blondem Damenbart guckt uns neugierig an. Es ist Lena. Die gerade lange Nase, die hohe Stirn, die hellen Augen, geben ihr ein typisch slavisches Aussehen. Außer uns dreien ist keiner da. Also warten wir nicht lange und gehen hinein. Mit russischem Studentenausweis zahlen wir 50 Rubel. Wieder bekommen wir so schicke blaue Überschuhe. Sie passen besonders gut zu Lenas Outfit. Daran denkt sie wahrscheinlich auch gerade, denn sie steht vor einem der zahlreichen Ganzkörperspiegel, kämmt ihre Haare und zupft an ihrem Röckchen. Jacken und Taschen abgegeben betreten wir die Ausstellungsräume. Lena beginnt zu den Malern und einigen Ölschinken etwas zu erzählen. Manchmal werden daraus halbe Referate, und es kommt vor, dass sie mittendrin ein Gedicht rezitiert. Wir staunen nicht schlecht über so viel Wissen zum Thema Kunst. Schließlich studiert sie auch nur Philologie und nicht etwa klassische Malerei. Leider bekommen wir nicht immer alles mit, weil es uns an Vokabeln mangelt. Trotzdem ist es interessant, und langsam kann sogar ich mich für die alten Leinwände erwärmen. Wahrscheinlich würde sich mein Kunstverständnis erheblich bessern, wenn ich einmal im Monat ein solches Museum besuchen könnte. Als wir endlich bei dem von Klimi empfohlenen Maler Берещагин ankommen, brauche selbst ich keine Erläuterungen mehr.

 

 

 

Bei strahlendem Sonnenschein stehen wir um zehn vor dem Haupteingang der Uni und gucken in den Lomonossovpark. Außer Maja und mir ist noch Anne da. Klimi kommt, und wir laufen gemeinsam zur Unibibliothek. Dort die Enttäuschung. Die Einrichtung ist nur von zwölf bis 18 Uhr geöffnet. So werden wir abermals darauf hingewiesen, dass in Russland nicht Effektivität und Praxis als Richtwerte gelten. Klimi nimmt dies wie gewohnt als gelungenen Anlass, über dies und das und Russland und die Russen zu schimpfen, während wir beschließen den Frühlingsbeginn auf einem Markt in der Nähe der Metrostation „Спортивная“ ausnutzen zu wollen. Zu viert laufen wir zur Haltestelle. Klimi kritisiert, die Autos pfeifen an uns vorüber. Immer wieder entdeckt er am Straßenrand etwas, das seinen Redeschwall von neuem beflügelt. Ich werfe gelegentlich ein zustimmendes Wort ein, atme zufrieden das frische Kohlenmonoxid und hoffe, dass einige Sonnenstrahlen durch die Rußpatikel in der Luft bis auf meine Nase vordringen können. Auf dem Markt zweigt Klimi ab, um sich eine Frühlingsschappka zu kaufen. Nach seiner Äußerung „Meine Damen! So viel Scheiße wie hier haben sie noch nirgendwo gesehen!“ wünscht er uns viel Vergnügen und verschwindet im Gewusel geschäftiger Käufer und Verkäufer. Wir schlendern durch enge Gassen mit hohen Ständen. BH`s mit obstschalengroßen Körbchen, Trainingsanzüge aus giftigen Textilien, Nuttenröckchen, scheinbare Markenware, Kunstleder. Hoch über unseren Köpfen hängen noch bunt bestickte Hemdchen, es riecht nach Plastik und Schweiß, rauchende Männer, dicke Frauen, Plastiktüten, und dazwischen zweirädrige Karren mit fettigen Teigwaren und Getränken. Plötzlich erreichen wir eine ruhigere Gegend. Die Stände mit Textilien aller Art weichen zugunsten großer Zelte mit Tischen und Stühlen. Hier wird Essen angeboten. Wir werfen einen Blick auf die geschmackvoll dargebotenen Speisen. Neben gefüllten Teigtaschen wird hier Fleisch gegrillt, diverses Gekochtes oder in Sauce eingelegtes Gemüse angeboten und einfache Beilagen wie Kartoffelbrei, Reis und Weizen gereicht.

 

 

 

Zufrieden lasse ich diese quirlige Metropole mit ihren Gegensätzen und Kontrasten nochmal auf mich wirken. Der Rote Platz und besonders die Basiliuskathedrale faszinieren mich im abendlichen Sonnenlicht fast noch mehr, als bei meinem letzten Besuch des Platzes. Wieder schieße ich wie verrückt Fotos, tausende Menschen wuseln fröhlich durcheinander. Es herrscht Feierabend-, Frühlingsstimmung. Die Leute flanieren, fotografieren, unterhalten sich und laufen ihren lachenden Kindern hinterher. Immer wieder sehe ich Grüppchen von Jugendlichen, die im Kreis stehen und Hackysack spielen. Ich überquere die Moskwa und laufe auf der anderen Uferseite stromaufwärts. Kurz vor der Schokoladenfabrik wird gerade eine neue Brücke gebaut. Ein Stück weiter bekomme ich das imposante Peterdenkmal endlich von vorne vor die Linse, aber die Statue ist so wuchtig, dass ich das Objektiv hin und her drehe, ohne eine Einstellung zu finden, die die ganze Macht und Größe wiedergibt. Nur schwer kann ich mich losreißen. Links beginnen schon die Stände der Künstler, die ihre Bilder rund um die Tretjakov-Galerie anbieten.

 

 

 

Eine Frau läuft vor mir, schiebt einen Karren mit Gemälden und hat eines davon über die Schultern gehängt. Ich schieße ein Foto und versuche damit, die Allgegenwart der Kunst in Russland festzuhalten. Vorbei an Schleifen und Loopings des geschlossenen Park-Kulturji, komme ich nun doch noch in den Genuss des Gorkji-Parks. Hier wird es ruhig, auch wenn stillstehende Riesenräder und leblose Geisterbahnen von anderen Zeiten künden. Nach der angelegten Parkanlage wird es bewaldet. In den Hügeln links von mir sind Jugendliche mit Cross-Bikes unterwegs, am Flussufer zu meiner Rechten umschlingen sich verliebte Pärchen in gebührendem Abstand zueinander. Ab und an hat sich eine handvoll Singels dazwischengemogelt. Statt die Hüften einer hübschen Russin umfassen sie die glatten Rundungen einer Bierflasche und scheinen damit einverstanden, dass die Sonne sich langsam hinter die moskauer Skyline zurückzieht. Mir hingegen ist es auf einmal nicht so egal. Das Ankommen in einer fremden Stadt ist immer gleich. Die Frage ist, wie man sie wieder verlässt. Mag sein, dass ich viel geschimpft und oft verständnislos den Kopf geschüttelt habe, aber eine Spur Traurigkeit verrät, dass ich nicht gerne von hier wegfahre. Moskau hat einen besonderen Reiz, und die Erlebnisse der letzten Tage lassen mich nur erahnen, wieviel mehr die Stadt noch zu bieten hat, und mit wieviel Geheimnissen sie mich noch überraschen wird. Ich setze mich ein paar Minuten ans Wasser, aber die letzten Strahlen werden schwächer und schwächer, und die aufkommende Kälte lässt nicht leugnen, dass es auch für mich Zeit wird, heim zu gehen. Ich stehe auf, schmeiße einen Stein ins Wasser, und freue mich über die Gewissheit, dass Moskau mich bald wiedersieht.

 

 


Ende